IM OKTOBeR 2014

dachte Ralf Neite über den Stand seiner musikalischen Dinge nach. Die Relativkultband Watercolors hatte sich eigentlich nie aufgelöst, traf sich aber nur alle fünf Jahre um einen Gig zu spielen. Nach der Country-Band Great Dust kam das Elektronikprojekt Klok, das aufgrund von Ortsveränderungen nicht voran kam und irgendwie im Sand verlief. Und als Singer/Songwriter ran macht man zwar Musik, aber ziemlich allein. Oder man muss sich permanent Leute zusammensuchen, die das spielen, was man will, und zwar erstmal umsonst. Das klappt ziemlich reibungslos, wenn man Bob Dylan heisst, als ran tut man sich da schwerer – trotz zweier CD-Veröffentlichungen. Also dann zurück zu den Wurzeln, das heisst: Band gründen.

 Gedacht, getan. Vier Leute trafen sich also, um mal zu sehen, was so geht. Neben Ralf (Gitarre und Gesang) waren das Schlagzeuger Chekov, Gitarrist Dennis Krastinat und Bassist wena (sic!), der sehr selten auch unter seinem Pseudonym Stefan Wehner auftaucht.  Und es geht was: Jammen, Stücke schreiben, läuft alles rund – natürlich unter wenas beiden Bedingungen: „kein Bluesrock, nur deutsche Texte“, die sich aber ins Konzept problemlos einreihen: Ralf macht sowieso nur deutsche Texte (und wenn nicht, dann woanders), Chekov hat mit Bluesrock absolut nichts am Hut und Dennis betreibt mit einem Kumpel ein akustisches Countryblues-Projekt. Ein Name ist auch gefunden: Tiefenrausch. Das Internet kennt zwar eine Berliner Ska-Punk-Band gleichen Namens, was wena aber geflissentlich ignoriert und gleich mal eine homepage baut (die absolut nichts mit dieser zu tun hat). Erste Auftritte laufen vielversprechend. Also alles prima. Das bringt Dennis auf die Idee, auch seinen Blues auf vier Leute zu verteilen, heisst sein Akustik-Projekt um Bass und Schlagzeug aufzustocken und auf elektrisch umzustellen. Wena ist der Bassist seiner Wahl, live rocken sie nicht ohne Grund das Haus und wena kommt zu dem Schluss, Dogmatismus sei ausschliesslich was für Andersdenkende. Klassischer Bluesrock, englische Texte – das isses. Ab jetzt. Und tschüss.

Glücklicherweise ist mit Ingo Seitz schnell ein neuer Bassist gefunden, der deutlich unprätentiöser zu Werke geht. Indes beschränkt sich Dennis auf seine Wurzel im Mississippi-Delta, verlässt Tiefenrausch folgerichtig ganz und gar un-englisch, und ab hier beginnt die Privatsphäre der Beteiligten.

 

Entgegen Ralfs Erwartungen kann aber sein alter Weggefährte und Watercolors-Gitarrist Max Reinhardt mit dem Tiefenrausch Demotape etwas anfangen und steigt in die Band ein. Dass Max Jammen hasst…na gut. Also nix mit erstmal Session machen. Das war aber zumindest Ralf sowieso klar. Neue Stücke werden geschrieben, alte hinterfragt. Die Arrangements werden komplexer, die musikalische Bandbreite wird grösser. Auch Gigs in der neuen Besetzung verheissen Gutes. Und eher kurz- als langfristig muss ein anderer Name her, denn der Bekanntheitsgrad der Berliner wurde dramatisch unterschätzt. Der wird dann – keinen Moment zu früh – bei den ersten Studiosessions im Dezember 2016 gefunden. Stefan Grujic, König von Bavenstedt und Eigner des Studios, erfindet die Bezeichnung Ghostvocals für einen Gesangseffekt. Der Effekt klingt klasse, und die Band heisst Ghostvoc. – umgangssprachlich Ghostvox, mit Punkt sieht´s schicker aus.

Schick ist es auch, wenn man seiner Musik einen Namen geben kann. Da tut man sich noch schwerer als bei der Namensfindung. Musik von irgendwo – so steht´s auf dieser Homepage. Wie klingt Musik, die von irgendwo kommt? Natürlich gibt es Einflüsse, die man vielleicht nicht in jedem Song hört, die aber doch einen Raum eingrenzen, in dem die Musik von Ghostvoc. passiert: David Bowies Art-Pop-Monster „Station To Station“, die ersten Roxy Music Alben, die wütende Formenstrenge der Talking Heads, der komplexe Lärm der Pixies und die Suche von Sonic Youth nach den Grenzen zwischen Musik, Geräusch und Krach – und dem Willen, diese Grenzen zu öffnen. Ein zu grosser Raum, um dort Songs zu verorten, aber: was manhierhört, kommt von irgendwo dort. Bei Spotify taucht irgendwo der Begriff „Psychedelic Post Wave“ auf, das klingt richtig schick und trifft es einigermaßen zuverlässig.

Der aufmerksame Besucher wird bemerkt haben, dass im vorigen Abschnitt keine deutsche Band genannt wird. Das hat einen Grund: Es gibt keine, die man als Einfluss nennen kann. Muss ja auch nicht. Warum dann aber deutsche Texte? Ghostvoc. hat keinen missionarischen Auftrag, anglo-amerikanische Einflüsse in der norddeutschen Tiefebene musikalisch zu verankern. Ralfs Entscheidung, deutsch zu singen, fiel im Zeitraum zwischen seinen beiden Solo-CDs und aus zwei Gründen: weil sein Sohn sagte: „Mach doch mal deutsche Texte, dann verstehen dich die Leute und hören dir zu“, und weil es funktioniert. Thematisch geht es um Liebe, die Anderen und die Frage, ob das Leben gut, schlecht oder so mittel ist und ob das alles vielleicht etwas miteinander zu tun hat.  Und ziemlich oft ums Weltall. Auch hier ist der Grund keinesfalls elegisch: Seit seiner Kindheit ist Ralf Perry-Rhodan-Fan, und da ist die Milchstraße um die Ecke. Eben

MUSIK VOn IRGEnDWO.

 

TbC

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